Konzeption einer sozialraumorientierten Flüchtlingsarbeit

Lichterfelde Süd, Steglitz Zehlendorf

Sozialraumorientierte Flüchtlingsarbeit ist eine aufsuchende, begleitende und einladende Sozialarbeit.

 

Die Ausgangssituation von Flüchtlingen und deren Familien in Berlin, aufgeteilt auf die Bezirke in zugewiesenen Gemeinschaftsunterkünften, ist vergleichbar.

Alle Flüchtlinge, die, woher sie in der Welt auch kommen, haben traumatische Erfahrungen von Krieg, Flucht und Menschenrechtsverletzungen gemacht. Sie sind, z.B.in Berlin angekommen, mit ihrer Trauer und ihren Ängsten oft allein gelassen und leben isoliert unter oft sehr eingeschränkten Lebensbedingungen in den Gemeinschaftsunterkünften für Flüchtlinge. Die Aggressionen, die sich in diesem Lebensumfeld entwickeln, treffen oftmals die Kinder und Schwächeren. Die Eltern der Kinder und Jugendlichen, die häufig selbst traumatisiert sind, können ihnen deshalb nur unzureichend helfen. Neben der Folgewirkungen ihrer traumatischen Erlebnisse sind vor allem Flüchtlingskinder zusätzlich konfrontiert mit einer fremden Umgebung, einer anderen Lebensart und einer Sprache, die sie nicht kennen. Einige verlieren dabei sogar ihre Sprache. So sind sie oft über lange Zeit in ihrer Entwicklung beeinträchtigt.

Die Aufforderung an die sozialen Träger der Stadt/Bezirke, etwas zu tun, ergibt sich aus der neu entstandenen Nachbarschaft der Gemeinschaftsunterkünfte und der Anwohner und den daraus entstandenen wechselseitigen Erwartungen im gemeinsamen Sozialraum. Dabei ist es unerlässlich, dass sich die Träger deutlich machen, welche Folgen Flucht und Vertreibung für die Betroffenen haben. Erst recht Kinder als die Schwächsten und Zerbrechlichsten brauchen Schutz und Zuwendung, denn grade sie erlebten im Vorfeld der Flucht und Vertreibung schon dramatische Veränderungen in ihrem kleinen Leben. Wir müssen uns fragen:

"Was haben die Flüchtlingskinder erlebt?"

  • Die Situation vor dem Kriegsausbruch, beginnende Feindseligkeiten, beginnender Terror gegen Minderheiten, zunehmende Verunsicherung und Risse in einer Welt der Geborgenheit und Sicherheit.
  • Den Krieg selbst, das Erleben von Gewalt, Tod, Trauer und Zerstörung.
  • Verlust des Heims und der sozialen Geborgenheit, Flucht, Gefahr, extremer Hunger, Verlorenheit Verlassenheit, Erfahrungen mit Gewalt gegenüber Familienangehörigen und gegen sich selbst.
  • Die Flucht, sich verstecken müssen, alles bisher Vertraute verlassen müssen, Lebensgefahr für sich, Eltern und Freunde. Eine ungewisse Zukunft.
  • Die Ankunft in einem fremden Land, ohne Sprache, ohne Kontakte.
  • Oft jahrelanger Aufenthalt in Lagern, Containern, Unterkünften für Asylbewerber, immer bedroht von Abschiebung. Die Schwierigkeit, langfristige Kontakte und Freundschaften im neuen Land aufzubauen.

Bus-Stop e.V., interkulturelles Kinder-, Jugend- und Familienzentrum mit seinen Integrationslotsen/ Mentoren ist als einer der vielen Träger des Willkommens-bündnisses in Steglitz-Zehlendorf mit anderen in der Region Lichterfelde-Süd aktiv geworden. BUS-STOP ist Mitglied im Integrationsausschuss und arbeitet ebenfalls im Integrationsbeirat mit. In diesem gemeinsamen Netzwerk Lichterfelde-Süd arbeiten die Kooperationspartner seit ca. einem Jahr erfolgreich zusammen. In diesem entstandenen Netzwerk kooperieren mit Bus-Stop u.a. die ansässige Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf als Partner mit seinem Partnern RBB und der bei Bus-Stop angesiedelten Lebensmittelausgabe für Bedürftige „Laib&Seele“ und mit seinen weiteren verschiedenen z.B. Spendensammelstationen für die Flüchtlingsarbeit. Weitere Kooperationspartner sind der Betreiber der Gemeinschaftsunterkunft GIERSO GmbH, das DIAKONISCHEN WERK Steglitz-Zehlendorf mit seinen STADTTEILMÜTTERN. In dieser Zusammenarbeit ist Bus-Stop aufsuchend bei GIERSO in der Klingsorstraße, aber auch einladend im eigenen interkulturellen Familienzentrum tätig. Zur Unterstützung der Kooperationen konnte Frau DR:EICHHOLZ, Kinder- und Jugendpsychotherapeutin, für die sozialtherapeutischen Begleitung gewonnen werden. Alle Mitarbeiter bei BUS-STOP verfügen über soziale Kompetenzen und sind als INTEGRATIONS-LOTSEN / KIEZMENTOREN zertifiziert. Unser Kooperationspartner der Berliner Polizei ist die Arbeitsgemeinschaft für Integration und Migration(AGIM). Sie sind mit Bus-Stop Träger der Ausbildung „Integratives Soziales Kompetenztraining(ISK)“ und nehmen mit uns im Auftrage des Polizeipräsidenten Herrn Kandt zusammen die Zertifizierung der Kiezmentoren/Integrationslotsen vor.

An einer weiteren Kooperation (es werden weitere Gemeinschaftsunterkünfte in Containern errichtet) wird gearbeitet und diese in das bestehende Netzwerk integriert.

Für die aufsuchende und begleitende Flüchtlingsbetreuung sind die Kenntnisse über die Wohnsituationen der Flüchtlinge für die Arbeit unerlässlich.

Nach der Flucht folgt eine nicht selten jahrelange Ungewissheit über die Wartezeit und die Entscheidung, ob man als Flüchtling anerkannt wird. Hierzu kommt die erschwerten Bedingungen in den Gemeinschaftsunterkünften für Flüchtlinge. Die Lebensgestaltung ist im betreuten Wohnen aufgrund der Gemeinschaftsunterkünfte oft eingeschränkt. Soweit wie möglich wird jedoch eine selbstbestimmte Lebensführung angestrebt. In den Einrichtungen leben die Flüchtlinge beengt, es gibt keine Rückzugsräume und es herrscht ständiger Lärm. Das führt zu sozialer Isolation, zu Aggression oder Apathie, Rückzug und Leistungsschwäche vor allem bei den Kindern und Jugendlichen. Der notwendige Bedarf an Ernährung, Unterkunft, Heizung, Kleidung und weiteren Verbrauchs- und Gebrauchsgütern wird durch Sachleistungen gedeckt. Dieses führt zur Entmündigung der Betroffenen.

Belastungen der Flüchtlinge in den Unterkünften

  • Gekocht wird in Gemeinschaftsküchen. Die eigene Esskultur kann so kaum gepflegt werden.
  • Die sanitären Anlagen werden mit anderen Bewohnern geteilt, es gibt wenig Privatsphäre.
  • Der Wachdienst kann jederzeit in die Wohnräume um zu überprüfen, ob sich die registrierten Bewohner auch tatsächlich in der Unterkunft befinden.
  • Das Haus wird nachts nicht abgeschlossen und ist damit für jedermann zugänglich.
  • Die Bewohner haben wenige Rückzugsmöglichkeiten.

Vorhalten von notwendigen Angeboten

BUS-Stop e.V. bietet in den aufsuchenden sowie in den einladenden, kreativen Angeboten immer auch die Möglichkeit, das kreative Potenzial der Kinder zur Selbsthilfe zu stärken. Im Schutze der sozialpädagogischen Betreuung und Begleitung haben die Kinder die Möglichkeit, beim Basteln, Malen und Töpfern ihre traumatischen Erfahrungen symbolisch auszudrücken und zu verarbeiten. Der spielerisch-künstlerische Methodenansatz eignet sich besonders gut für die Arbeit mit Flüchtlingskindern, da Sprachbarrieren durch nonverbale Kommunikation überwunden werden können.

BUS-STOP bietet für Schulkinder in den Zeiten nach der Schule Unterstützung ihrer schulischen Kenntnisse, aber auch Freizeitangebote in sozialen Gemeinschaften,denn Krieg und Verfolgung sind für viele Flüchtlingskinder die häufigste Ursache von diskontinuierlichen Schulverläufen, Entwicklungsblockaden und Entwicklungsverzögerungen. Im Schulalltag werden die Folgen der traumatischen Erfahrungen im Herkunftsland und auf der Flucht sowie die Belastung durch den Kulturwechsel in Deutschland oft durch soziale Isolation, Aggressivität, Rückzug, Leistungsschwäche oder Schulabbruch sichtbar. Die Kinder können die Lern- und Verhaltensanforderungen im Schul- und Erziehungssystem, auch wegen häufig fehlender Sprach- und Integrationsförderung, oft nicht erfüllen und geraten ins gesellschaftliche Abseits.

Die Angebote von BUS-STOP sollen die Bedürfnisse der Kinder nach Schutz, Beteiligung, Förderung, Bildung und Nichtdiskriminierung dahingehend ausrichten, dass das Kindeswohl gesichert werden kann(gemäß Artikel 3 der UN-Kinderrechtskonvention).

In der offenen Arbeit mit Jugendlichen aus Flüchtlingsfamilien muss speziell auf traumatisierte Jugendliche Rücksicht genommen werden, die durch ihre Sozialisation im Krieg meist nicht die Möglichkeit hatten, altersgemäße Entwicklungsschritte, zu denen die Herausbildung sozialer Kompetenzen gehört, umfassend zu lernen. Hier wird BUS-STOP in wöchentlichen Treffen ein soziales Kompetenztraining anbieten. Dabei soll die Selbstsicherheit, Umgang mit Konflikten, Lob und Kritik oder Kommunikation und Körpersprache trainiert werden. Zusätzlich zum Training werden Freizeitaktivitäten durchgeführt, in denen Erlerntes erprobt werden kann(Methode: Integratives soziales Kompetenztraining)

Konkrete Erfahrungen von Bus-Stop aus der laufenden Arbeit mit Kindern und Jugendlichen aus Flüchtlingsfamilien beim Träger Gierso in der Klingsorstraße in Steglitz

Durch die Arbeit im Integrationsbeirat und –ausschuss lernte Bus-Stop die Flüchtlingsgruppenunterkunft von GIERSO in der Klingsorstraße in Steglitz kennen. Seit Oktober 2013 arbeiten wir, das sind die Leiterin von BUS-STOP und zertifizierte Kiezmentoren, nun auch dort. Wir bieten für die Kinder und Jugendlichen kreative Angebote mit Basteln und Malen, bringen Spenden und laden die Flüchtlinge zu uns ein. Die Kiezmentoren haben fast alle Migrationshintergrund und sprechen die Sprache einiger Flüchtlinge. Oft kommen zu den Kreativ-Treffen bis zu 15 Kinder und Jugendliche um Bilder zu malen oder etwas zu gestalten. Dabei können sie, die oft sehr traurig scheinen oder nicht mehr sprechen, sich bildnerisch ausdrücken und in der Gemeinschaft und der entspannten Atmosphäre ein wenig zur Ruhe kommen und sich zunehmend wohl fühlen. Die STADTTEILMÜTTER des DIAKONISCHEN WERKS Steglitz wurden durch einen Besuch bei Bus-Stop auf unsere Arbeit aufmerksam und boten ihre Mitarbeit an. Seit Februar 2014 besteht nun eine Kooperation mit ihnen. Im Wechsel bieten wir ein Bastel- oder Mal-Programm an. Durch die kontinuierlichen Treffen haben sich inzwischen Beziehungen und eine Vertrauensbasis entwickelt, die den Kindern und Jugendlichen sichtlich gut tut. Sie freuen sich jedes Mal sehr, wenn wir kommen und die Kinder sind inzwischen bereits viel lockerer. Die Mütter sind oft dabei und auch hier bestehen schon viele freundliche Kontakte, so dass die Stadtteilmütter und wir auch Einfluss auf die Familien nehmen und ihnen so helfen können.

Seit April diesen Jahres kommen auch Kinder und Jugendliche zum Teil mit ihren Eltern zu BUS-STOP um zu töpfern. Sie werden von einer ehrenamtlichen Mitarbeiterin und einer Stadtteilmutter mit der BVG gebracht und wieder zurück begleitet.

Aus den Kontakten mit den Flüchtlingsmüttern, BUS-STOP und den Stadtteilmüttern, die auch alle einen Migrationshintergrund haben, entwuchs schließlich die Idee, in den Räumen von Bus-Stop interkulturelle Frauentreffen zu veranstalten, bei denen gekocht, geredet, gelacht und getanzt wird. Bisher gab es bereits zwei Treffen, die große Begeisterung hervorriefen. Die Treffen sollen nun regelmäßig wiederholt werden. Für die Flüchtlingsfrauen ist es ein großer Schritt in Richtung Integration. Sie haben im Sozialraum einen weiteren sozialen Schutzraum gefunden.

Martina Naschitzki

Jürgen Bischof